Ein zu voller Terminkalender und langsame Plätze – alles das erhöht die Belastung für die Spitzenprofis im Tennis. Aufgrund des öffentlichen Drucks gab es zuletzt kleinere Anpassungen im Terminkalender, sowie eine Hitzeschutzregel bei Temperaturen über 30 Grad Celsius. Diese, nur marginalen Veränderungen wurden öffentlich bereits scharf von Topstars wie Alexander Zverev oder Carlos Alcaraz kritisiert. Die Überlastungsproblematik im Profi-Tennissport bleibt also Gegenstand der öffentlichen Diskussion. Und auch in der medizinischen Forschung steht das Thema auf der Tagesordnung zahlreicher Forscherinnen und Forscher.
Ein Beispiel hierfür ist die Arbeit von Lambrecht Y et al. aus Hamburg, publiziert im International Journal of Sports Physical Therapy: „Elite Tennis Players with a Weak Rotator Cuff: The paradox of infraspinatus Atrophy – A Clinical Commentary and Practical Approach“. Darin geht es um die Infraspinatus-Atrophie (IA) bei Elite-Tennisspielern – ein Zustand, der oft unentdeckt bleibt, da es trotz teilweise von außen sichtbarem Muskelschwund häufig keine Schmerzsymtomatik gibt. Der Muskelverlust in der Schulter ist hierbei auf eine Funktionsstörung des Nervus suprascapularis zurückzuführen, der durch wiederholte Belastung geschädigt werden kann. Das Paradoxon hierbei ist, dass es oft schon deutliche „Aushöhlungen“ unterhalb der Spina scapulae gibt, Patientinnen und Patienten aber über eine normale Schulterfunktion ohne Schmerzen berichten. Die Funktion des Infraspinatus wird hierbei anfangs von anderen Muskeln des Schultergürtels übernommen. Auf lange Sicht führt die Atrophie aber zu einem Ungleichgewicht in der kinetischen Kette, was das Risiko für Verletzungen erhöht. Die genaue Ursache der Nervenschädigung ist hierbei noch unbekannt. Theorien reichen von Nerveneinklemmung über Nervendehnung bis hin zu Kapselveränderungen.
Mit 60% Prävalenz bei Tennisprofis ist die IA eine durchaus häufige Problematik. Die Diagnose ist mit verschiedenen Tests möglich. Vor allem die visuelle Beurteilung und Palpation der Schulter spielen hierbei eine Rolle. Hierbei kann das Phänomen des „Hollowing“ unterhalb der Spina beobachtet werden. Mittels Sonographie kann der Befund objektiviert werden. Dafür wird die Dicke des Musculus infraspinatus gemessen. Funktionstests der Schulteraußenrotation helfen bei der Diagnosestellung.
Die Behandlung erfolgt überwiegend konservativ und sollte idealerweise bereits präventiv in das Training integriert werden. Im Vordergrund stehen hierbei Beweglichkeit sowie Kräftigung des Schultergelenks. Das Trainingsvolumen, vor allem Überkopfbewegungen, sollten genaustens überwacht und junge Spieler langsam an die Belastung herangeführt werden.
Wie sich die „stille Epidemie“ der Infraspinatusatrophie in Zukunft auf Leistung, Erfolge und Verletzungen der Profi-Tennisspieler auswirkt, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Wenn sich also bei den Hamburg Open im Mai 2026 Felix Auger-Aliassime oder Alexander Zverev (beide haben ihre Teilnahme bereits bestätigt) am Rothenbau das Shirt vom Leibe reißen, könnte ein geschulter Blick auf Rücken und Schulter der Spieler eine wichtige Diagnose zutage fördern. (lb)
Quelle: Lambrecht Y et al. Int J Sports Phys Ther 2025; 20: 1272-1285